Vor fast 50 Jahren sang die bekannte Mireille Mathieu das Lied:
„Wie war dein Leben? Wirst du gefragt. Hast du genommen, oder gegeben? Hast du gewonnen oder alles vertan? Wie war dein Leben?“
Rückblick.
Es ist die große Frage an uns heute Morgen. Es gibt kaum einen Tag im Leben des Menschen, an dem er nicht vor große und wichtige Fragen gestellt wird. Ein Christ erst recht. Und das ist so eine Frage.
Nun, es kann sein, dass diese Frage heute Morgen nur meine Frage ist, nur mir gestellt wird. Es steht mir selbstverständlich frei, diese Frage zu ignorieren, sie zu verdrängen oder zu übertönen. Und da gibt es so viele Mittel, diese Frage immer wieder zum Schweigen zu bringen. Sie wird dennoch immer wieder auftauchen und ich muss mich ihr stellen. Spätestens dann, wenn alle Stimmen meiner Umwelt verstummen und meine Gedanken das Einzige sind, mit dem ich mich beschäftigen kann, steht diese Frage mit Macht vor mir. Dann gibt es kein Ausweichen mehr. Dann kann es sein, dass die Angst hochsteigt, wirklich alles vertan zu haben.
Ist uns schon einmal bewusstgeworden, dass so unendlich viele Schlager von der Liebe sprechen? Wo wir hinhören, überall tönt es uns entgegen. Meistens handelt es sich um verlorene Liebe, missachtete Liebe, heiß ersehnte Liebe und noch häufiger von der Liebe in der Nacht, die ja auch eine Art Liebe ist.
Wie oft ist von Enttäuschung die Rede gerade in einem der bedeutendsten Gefühle, die wir Menschen haben können? Woran mag das liegen?
Ist Liebe nur eine Gefühlsregung, gibt es gar ein Liebesgen, das uns steuert? Ich denke, wir müssen hier den Bogen doch etwas weiterspannen.
Was bedeutet dir deine Mutter? Sicher, als Kind hast du dir darüber wenig Gedanken gemacht, wenn überhaupt. Aber vielleicht erinnerst du dich doch daran, dass sie dir gelegentlich die Frage gestellt hat:
Hast du mich lieb?
Als du aus der Schule nach Hause kamst, stand sie bereits da und erwartete dich. Und mit ihr stand da diese Frage
Hast du mich lieb?
Nein, als Kind kann man das nicht begreifen, dass die Mutter immer da ist. Das ist eben so. Auch macht man sich als Kind nie Gedanken darüber, oder? Ein Kind nimmt das ganz selbstverständlich, dass da ein liebender Mensch ist, der immer da ist. Du kommst mit deinen Freuden zur Mutter und mit deinen Problemen. Sie ist es meist, die dich den Glauben lehrt. Sie achtet darauf, dass du nicht auf die schiefe Bahn gerätst.
Ich kann mich noch gut an eine Situation erinnern, als meine Mutter mich zu einer alten Frau drei Häuser weiterschickte. Sie hatte einen Buckel und das fanden wir Kinder doch recht lustig. Und da sie so aussah wie die alte Frau aus dem Märchen von Hänsel und Gretel riefen wir ihr hinterher: Alte Hexe, alte Hexe. Eines Tages hat das meine Mutter gehört.
Ich musste daraufhin zu dieser Frau gehen und mich entschuldigen. Das war der längste Weg meines Lebens. Ja, heute steht solche Handlungsweise wohl nicht mehr so hoch im Kurs, aber damals war das noch so.
Auch als junger Mensch, der ins Leben hinausgeht, begreift man noch nicht so recht, was eine Mutter bedeutet. Jene vielleicht, die sie in jungen Jahren verloren haben, wenn sie sie am meisten benötigen. Keinen Ort der Sicherheit mehr, keinen Ort der Geborgenheit. Du wirst in eine kalte, feindliche Welt geworfen.
Nur hin und wieder führt uns unsere Erinnerung in unsere Kindertage zurück, die doch so unbeschwert waren. Und es sind dann keine toten Bilder, die vor unseren Augen entstehen. Und dann steht vielleicht wieder diese Frage mitten im Raum:
Mein lieber Junge, mein liebes Mädchen, hast du mich lieb?
Du kannst auf diese Frage nicht so einfach antworten. Um eine richtige Antwort zu geben musst du eine ganz bestimmte Einstellung haben. Kann man auf diese Frage verschieden antworten?
Oh, wir können mit ein und denselben Worten so unterschiedliche Antworten geben. Eine liebende Mutter spürt es, wenn man auf diese Frage nur eine oberflächliche Antwort gibt, weil man gerade mit etwas Anderen beschäftigt ist.
Ist es nicht heute noch so, dass wir unseren Mitmenschen, die mit uns reden, nur so nebenbei mal antworten? Im Vorübergehen? Ist es nicht eine Krankheit unsere Zeit, dass wir nicht mehr wirklich mit dem Gegenüber sprechen, in Gedanken schon viel weiter sind als bei den soeben gesprochenen Worten?
Doch die Frage der Mutter, ob ausgesprochen oder aus ihrer Haltung sprechend, begleitet uns durch unser ganzes Leben. Immer wieder taucht sie auf. Sie ist kein Kinderspiel, das ich einfach so abschütteln kann und habe dann nichts mehr damit zu tun.
Eines Tages stehst du vor dem Altar, und ein schönes Mädchen oder ein junger Mann steht an deiner Seite. Der Prediger stellt dann diese eine, alles entscheidende Frage:
Wirst du sie lieben – immer?
In diesem Augenblick hat dich die Frage der Mutter eingeholt, auch wenn du ihr immer wieder ausgewichen bist, weil sie dir vielleicht peinlich war. Sie stellte diese Frage ganz privat, zuhause. Aber hier wird dir die gleiche Frage gestellt in aller Öffentlichkeit. Du musst dich hier wieder neu entscheiden. Diesmal öffentlich.
Denken wir nicht manchmal, dass wichtige Fragen wie Prüfungen „Ein_für_alle_Mal“ beantwortet werden?
Aber diese Frage kehrt immer wieder zurück. Sie begleitet dich durch dein ganzes Leben. Wie oft entscheiden wir uns für uns selbst, gegen den anderen und verbreiten damit so unendlich viel Schmerz und Leid. Wenn du von der Arbeit nach Hause kommst und deiner Frau in die Augen siehst oder deinem Mann, steht wieder diese Frage im Raum
Hast du mich lieb – noch immer?
Und dann kommen die Kinder gelaufen und schon wieder die gleiche Frage
Hast du mich lieb?
Und sie umarmen dich. Wie groß ist bei ihnen die Enttäuschung, wenn sie spüren, da ist etwas anders geworden. Da ist Distanz.
Ich muss lernen, mit dieser Frage zu leben. Auch du musst lernen, mit dieser Frage zu leben. Und plötzlich sehe ich die Größe in dieser Frage, das Bedeutungsvolle. Eine Frage, die mich mit Menschen verbindet.
Wie erstaunt bin ich, wenn ich in das Leben Jesu hineinschaue, in eine Erfahrung, die er mit seinen Jüngern hatte. Hier wird zum wiederholten Male diese alles entscheidende Frage gestellt
Johannesevangelium, in Kap. 21 in den Versen 14.15 lese ich:
Dies war das dritte Mal, dass Jesus sich seinen Jüngern zeigte, nachdem er von den Toten auferstanden war:
Nach dem Essen fragte Jesus Simon Petrus:
"Ja, Herr", antwortete ihm Petrus, "du weißt, dass ich dich liebhabe."
"Dann hüte meine Lämmer", sagte Jesus.
Vers 16:
Jesus wiederholte seine Frage: "Simon, Sohn des Johannes, liebst du mich?" "Ja, Herr, du weißt doch, dass ich dich liebe", antwortete Petrus noch einmal. Erneut sagte Jesus: "Dann hüte meine Schafe!"
War es nötig, eine Wiederholung der Frage?
Liebe Mutter, warum diese Frage?
Liebe Frau, warum fragst du es immer wieder?
Denkst du, dass ich dich nicht mehr liebe? Warum diese Wiederholung?
Warum, mein Heiland, die Wiederholung dieser Frage? Was bedeutet das?
Nicht nur zweimal.
Und da spricht er zum dritten Mal zu ihm. Zum dritten Mal. Tausendmal.
„Ich liebe dich.“ Sagte ein Fischer zu Jesus. Das ist Christentum. Das ist Adventglaube. Liebe! Keine Tradition. Liebe!
Warum sagte Jesus zu Petrus jedes Mal: „Weide meine Lämmer, weide meine Schafe!“? Warum? Ein Prediger erklärte das mal so:
„Hier können wir so klar sehen, wie Jesus Christus ihm beibringen wollte, wie schrecklich sein Verrat war, dass er ihn dreimal verleugnete. Um ihm dies für immer in sein Fleisch und Blut einzugravieren hat er ihm jetzt hier die Bußpredigt gehalten.“
Nein! Ich kann es nicht so auslegen.
Es ist eine unmögliche Auslegung. Hier steht Christus, der Auferstandene, der Retter der Welt vor Petrus. Er, der aus Liebe zu den Menschen sein Leben geopfert hat, damit sie leben. Und ausgerechnet er sollte jetzt Petrus die Leviten lesen wollen? Hat er nicht immer und immer wieder betont, dass er uns vergeben will, wenn wir unsere Schuld bekennen? Wollte er nicht alles Versagen ins Meer der Vergessenheit werfen, aus dem es niemand wieder hervorholen kann?
Und dann soll er ihm jetzt und hier sein Leben zur Hölle machen? Nein! Die Botschaft Jesu ist Vergebung, Befreiung. Die Freiheit von der Sünde, der Trennung von Gott, ist das Größte, was uns passieren kann. Von all diesen Gewissensbissen, die uns manchmal verfolgen, weil wir immer wieder versagt haben, gelogen und betrogen haben. Christus stand nicht als Richter vor Petrus, sondern als sein Heiland und er fragt ihn:
Sag, Petrus, wie stehst du heute zu mir? Liebst du mich – noch immer? Jesus Christus hat ihm nichts auf den Tisch gelegt. Er hat ihm nichts in sein Fleisch und Blut eingravieren wollen. Er hatte ja einen anderen Mann vor sich als den, der im Hof des Hohenpriesters war. Er war gebrochenen Herzens in den Garten gegangen, hatte bitter bereut und mit Gott um Vergebung gerungen. Er war nicht derselbe Petrus. Es wäre mir unmöglich zu glauben, dass Jesus Christus ihn peinigen wollte.
Christentum ist etwas Anderes. Es ist die Verwirklichung der Liebe Gottes in unserem Leben. Was Jesus jedes Mal nach seiner Frage zu Petrus sagte, erklärt, warum er so mit ihm gesprochen hat. Warum sagte er immer nach seiner Frage: „Weide meine Lämmer, weide meine Schafe!“?
Ich denke mir, Jesus hat mit Petrus auf diese Weise gesprochen, weil er in ihm einen Führer der jungen Gemeinde sah und hat ihm die erste Unterweisung in der christlichen Führung nach seiner Auferstehung zu geben. Der Grundsatz der christlichen Führung, des christlichen Lebens ist die Liebe. Lasst uns dies nie vergessen. Es ist nicht die Frage meines Lebens allein, es ist die Frage des gesamten Christentums.
Oder deine Religion ist nichts wert. Der Apostel Paulus hat diesen Grundsatz, diese Grundlage des christlichen Glaubens in schlichter, ausdrucksstarker Form im 13. Kapitel des 1. Korintherbriefes vor uns ausgebreitet. Die tiefgläubige Ellen G. White hat empfohlen, dieses Kapitel über die Grundlage christlichen Lebens täglich einmal zu lesen. Nichts weiter – nur lesen. Das Leben des Lesers wird sich hierdurch nachhaltig verändern. Zuerst werden es die Menschen in seinem Umfeld merken, schließlich auch er selbst.
Wann hast du dieses Kapitel zum letzten Mal gelesen? War es heute? War es in der letzten Woche? Im letzten Monat? War es vor 5 Jahren? Oder hast du es noch nie gelesen? Richtig gelesen? Wo der große Apostel der Christenheit zuruft:
„Sollte ich keine Liebe haben, bin ich nichts. Im Reden, meinen Fähigkeiten, im Hoffen und Arbeiten und allem, was ich tue. Wenn die Liebe nicht vorhanden ist, bin ich nichts.“
Das ist der Inhalt des Evangeliums, das ist der Inhalt des christlichen Lebens.
Unsere ganzen Pläne und Unternehmungen können nicht wirklich gelingen ohne die Liebe. Ich bin so froh, dass Gott uns die Gnade schenkt, mit dieser Frage zu leben. Ich bin nicht mehr aufgeregt, wenn ich vor dieser Frage stehe
Hast du mich lieb?
Es ist die größte Erfahrung im christlichen Leben, wenn du von aufrichtigen Herzen sagen kannst: „Mein Heiland, heute will ich dir sagen, dass ich dich liebe.“
Wann hast du ihm dies schon einmal gesagt? Ich weiß, es ist eine sehr persönliche Frage. Nein, diese Frage musst du nicht mir beantworten. Das ist eine Sache zwischen dir und deinem Heiland. Und wenn du ihm dies noch nie gesagt hast – wann kannst du es ihm sagen? Wie kannst du es ihm sagen?
Hast du dich schon einmal niedergekniet oder bist in die Natur hinaus gegangen und hast mit ihm wie mit einem guten Freund gesprochen? Eine Gelegenheit, in der du dein Herz geöffnet hast und gesagt: „Jesus, wirklich, ich liebe dich.“
Du kannst es nicht sagen, wenn du ihn nicht wirklich liebst. Aber ist das nicht auch ein Gebet, wenn ich Jesus einmal nur sage “Ich liebe dich!“? Ich frage dich nichts weiter. Ich frage nur nach deiner Liebe. Dann wird dein Verhältnis zu ihm zu einem Liebesverhältnis. Es bleibt nicht nur ein Glaubensverhältnis. Das ist das Höchste, was wir erreichen können.
Ja, wann hast du zum letzten Mal in deinem Leben zu Jesus Christus gesagt: „Heiland, ich liebe dich!“? Versuche es nicht, ohne Liebe durch dein Leben zu gehen. Wo Liebe ist, da ist Gott. Wo Gott ist, ist auch Leben. Und er wird dich fragen:
Hast du mich lieb?
Welche Antwort gibst du? Wenn er durch deine Gedanken und Gefühle schaut, durch dein Leben und fragt
Hast du mich lieb?
Liebe Geschwister, welche Antwort würden wir geben? Wird unser Herz plötzlich zittern und verzagen und sagen:
„Heiland, ich habe dich bis jetzt nicht geliebt, aber ich sehe jetzt, ich will dich lieben!“
Ja, du kannst es ihm sagen, auch ohne ihn zu sehen. Warum habe ich über dieses Thema gesprochen? Einen wichtigen Grund finden wir in Matth. 24,12. Jesus sagt, dass etwas mit der Liebe geschehen wird. Was wird geschehen?
Die Liebe wird bei vielen Menschen erlöschen.
Ja, so heißt es dort. Sie wird erlöschen. Warum?
Weil Gottes Gebote missachtet werden, setzt sich das Böse überall durch.
Und deshalb, liebe Geschwister, ist die Zeit, heute und morgen unsere Liebe erneut anzufachen, neue Erfahrungen mit der Liebe Gottes so zu machen, dass wir vor der Welt stehen und beweisen können, dass Christ sein mehr ist, als Mitglied einer Kirche zu sein. Wer liebt, ist Teil der Familie Gottes, Teil seines Wesens. Er ist Botschafter einer anderen, besseren Lebensform, für die es lohnt, auch heute noch zu leben.
Das ist es, was Jesus ausdrückt, wenn er in Joh. 15 sagt
Liebt einander. Denn daran wird die Welt erkennen, dass ihr meine Nachfolger seid.
Mit diesen wenigen Worten der Heiligen Schrift wird das Wesen des Christentums dargeboten. Und wir werden selig werden oder verloren gehen – es hängt davon ab, wie wir diese Frage Jesu beantworten werden. Nur davon hängt es ab.
Was die Welt heute braucht, ist Liebe. Und wir werden triumphieren, weil wir gelernt haben, zu lieben.