Dem unbekannten Gott
Noch einmal, eh ich weiterziehe
und meine Blicke vorwärts sende,
heb ich vereinsamt meine Hände
zu dir empor, zu dem ich fliehe,
dem ich in tiefster Herzenstiefe
Altäre feierlich geweiht,
daß allezeit
mich deine Stimme wieder riefe.
Darauf erglüht tief eingeschrieben
das Wort: Dem unbekannten Gotte.
Sein bin ich, ob ich in der Frevler Rotte
auch bis zur Stunde bin geblieben:
Sein bin ich - und fühl die Schlingen,
die mich im Kampf darnieder ziehn
und, mag ich fliehn,
mich doch zu seinem Dienste zwingen.
Ich will dich kennen, Unbekannter,
du tief in meine Seele Greifender,
mein Leben wie ein Sturm Durchschweifender,
du Unfaßbarer, mir Verwandter!
Ich will dich kennen, selbst dir dienen.
Die Griechen hatten in Athen viele Altäre. Als Paulus durch diese Stadt ging, entdeckte er einen Altar, auf dem stand
Dem unbekannten Gott.
Die alten Griechen hatten so viele Götter, die sie verehrten, dass sie nicht in der Lage waren, alle zu behalten. Damit sie nicht aus Versehen einen dieser Götter unbeachtet ließen und vielleicht dafür bestraft wurden, errichteten sie diesen Altar.
Wie kam es, dass Gott den Menschen so unbekannt war? Lag es daran, dass er sich versteckte? Oder dass er immer auf Reisen war? Oder war es vielleicht eine über Jahrhunderte hinweg praktizierte Ablehnung, die ihn schließlich in Vergessenheit geraten ließ?
Eigentlich wäre das gar nicht möglich gewesen, da doch die Israeliten diesen Gott anbeteten. Mal mehr und mal weniger konsequent.
Den Christen in Rom schrieb Paulus, dass die Menschen Gott wohl hätten kennen können und ihm hätten dienen können, wenn sie es gewollt hätten. Er kommt aber zu dem Schluss, dass sie dies nicht wollten. Er fährt fort, dass Gott ihnen darum auch kräftige Irrtümer senden wollte, weil sie nicht haben glauben wollen.
Und so ist es bis heute geblieben. Wie viele Menschen sagen wohl, sie glauben an Gott, doch in ihrem Leben wollen sie nichts mit ihm zu tun haben. Sie reden von ihm tatsächlich wie von einem Fremden.
Durch alle Jahrhunderte bis heute hat sich die Haltung der Menschen erhalten. Mittlerweile sind sie so weit, dass sie alles in Frage stellen, was Gott auch nur in die Nähe von Ernsthaftigkeit rücken könnte. Da wird die Frage aufgeworfen, ob denn Jesus Christus wirklich gestorben sei. Und dass er auferstanden ist – das ist gänzlich unmöglich.
Wenn wir bedenken, dass Gott immer ein sehr persönliches Verhältnis zu den Menschen pflegen wollte – bereits bei der Schöpfung des Menschen kommt dies zum Ausdruck – ist es doch sehr verwunderlich, dass der Mensch diesen engen Kontakt immer wieder ablehnte.
Wie Jesus Christus in vielen Gleichnissen immer wieder verdeutlichte, suchte Gott immer die Vater – Kind – Beziehung zum Menschen. Und immer wieder scheiterte diese Beziehung an der Entscheidung des Menschen, seinen eigenen Weg ohne Gott gehen zu wollen.
Auch wenn der Mensch Gott immer wieder zurückwies, hat er sich nicht davon abhalten lassen, für jeden einzelnen dann zur Verfügung zu stehen, wenn der Mensch nach ihm fragte. Nicht nur den Israeliten, nein, auch den „Heiden“ war er bereit zu helfen, wenn sie sich an ihn wandten.
Manche lernten ihn kennen als ihren Richter, aber viele auch als ihren Retter. So nimmt es nicht Wunder, wenn Friedrich Nietzsche sein Gedicht schrieb „Dem unbekannten Gott“.
Aus diesen Zeilen erkennen wir die Sehnsucht, die ihn bewegte nach Geborgenheit, nach Nähe. Und immer stand er sich selbst im Wege in seiner Philosophie, dass er den Weg zu Gott nicht fand. So blieb er ihm immer ein Unbekannter.
Fragen wir uns, ob wir den gleichen Weg gehen wollen wie Nietzsche. Die Psychiatrie stand am Ende seines Lebens, seine eigene Mutter musste ihn dort einliefern.
Wie glücklich können wir uns preisen, wenn uns ein solches Schicksal erspart bleibt.